Sandra aus Berlin fragt: »Hast du schon einmal drüber nachgedacht, einen Cross-Dresser die Hauptrolle in einem Buch spielen zu lassen?«
Danke für die wunderbare Frage, Sandra. Um ehrlich zu sein — was mir als Autorin, die Fiction schreibt, nicht immer leicht fällt — nein. Wenn ich von einer Szene in meinem Roman Haus der dunklen Begierden einmal absehe — aber da geschah (ohne jetzt spoilern zu wollen) das Anziehen von Frauenkleidern nicht ganz freiwillig. (Ja, auch ich bin dem Klischee anheimgefallen, den Mann damit zu bestrafen.)
Cross-Dresser, wie in deiner Frage auch, impliziert schon, dass es sich dabei nur um einen Mann handeln kann. Klar, Männer können Strümpfe, Röcke, Korsagen und High Heels (in Übergrößen) tragen. Der Fantasie sind heute keine Grenzen gesetzt.
Meine Gegenfrage lautet nun: »Was würde eine Frau tragen, die als Cross-Dresserin auftreten möchte?«
Tja, Jeans, Hosen, Hemden, T-Shirts, Anzüge, Sneakers und Stiefel mit Stahlkappen scheiden wohl aus.
Mir ist schon klar, dass es Kulturen gibt, in denen es nichts Besonderes ist, wenn Männer Röcke tragen, z.B. in Schottland oder einigen Staaten in der Südsee. Dennoch finde ich es interessant und bedauernswert, dass die Bezeichnung Cross-Dresser fast ausschließlich auf Männer angewendet wird/werden kann — und das in oft wenig schmeichelhaftem Zusammenhang.
Während eine Frau in Männerhemden und Militärstiefel als selbstbewusst, stark, vielleicht auch cool und sexy wahrgenommen wird, wirkt ein Mann in Ledermini und Strümpfen eher lächerlich.
Woran liegt das?
Warum haben wir Frauen uns in der Vergangenheit Kleidungsstücke unter den Nagel gerissen, die früher ausschließlich von Männern getragen wurden? Das beginnt bei den Gladiatorensandalen (Russel Crowe in Damenschuhen — ein Schock der mir heute noch in den Gliedern sitzt;-), geht über hochhackige Schuhe (die früher adelige Männer trugen, um fehlende Größe wettzumachen) bis zu den Langschaftstiefeln der Seefahrer, Freibeuter, Piraten und anderer Abenteurer und Entdecker.
Ist es nicht ein Armutszeugnis, dass wir uns durch maskuline Kleidung (oft) aufgewertet fühlen, während unsere sexy Outfits einen Mann lächerlich machen und zu etwas degradieren, was ich gar nicht in Worte fassen möchte?


Wie auch immer, die Idee einem Cross-Dresser die Protagonistenrolle in einem meiner Romane auf den Leib zu schneidern, gefällt mir.
Vielen Dank, Sandra!